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24. Oktober 2017 Neukölln

Werner Seelenbinder: Erinnerung an den antifaschistischen Sportler – vor 73 Jahren im Zuchthaus Brandenburg ermordet

Alljährlich im Oktober rufen die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), der Freundeskreis der Sportsenioren und andere demokratische Organisationen an seinem Todestag zu einer Gedenkkundgebung auf:

 

  

 

 

 

Dienstag, 24. Oktober 2017,
um 17 Uhr
im Werner-Seelenbinder-Sportpark,
Oderstraße 182,
12051 Berlin.

(Fahrverbindung: S- und Bahnhof Hermannstraße)

In diesem Jahr soll das Grab mit Bodendeckern bepflanzt werden. Daran wird sich DIE LINKE Neukölln beteiligen und zugleich ein Blumengebinde niederlegen. Die musikalische Umrahmung der Gedenkveranstaltung übernimmt der Arbeiter- und Veteranenchor Neukölln.

Wer war Werner Seelenbinder (2. August 1904 – 24. Oktober 1944)?

Werner Seelenbinder war einer der bekanntesten und erfolgreichsten Arbeitersportler. 1904 in Stettin geboren und in Berlin-Friedrichshain aufgewachsen, musste er schon früh im Gemüsegeschäft seiner Eltern mithelfen. Er trat in den Sportverein Berolina 03 Neukölln ein, dem er bis zu dessen verbot durch die Nazis 1933 angehörte.

Im Deutschland der Weimarer Republik gab es bis zur Machtübertragung an die Nazis neben den bürgerlichen, oft national- konservativen Sportverbänden, eine starke Arbeitersportbewegung, die eine eigene, zumeist mehr auf Breitensport gerichtete und vor allen dingen politische Kultur pflegte.1928 fuhr Werner Seelenbinder zur Spartakiade nach Moskau, einem internationalen Sportfestival der Arbeitersportler, und gewann als einziger deutscher Teilnehmer den Wettbewerb. Nach seiner Rückkehr wurde er aktives KPD-Mitglied. Als 1933 die Arbeitersportvereine verboten wurden, sahen sich viele Sportler gezwungen in einen der bürgerlichen Vereine einzutreten.

Sport und Widerstand

Werner Seelenbinder war aus Überzeugung Arbeitersportler. Er mochte den bürgerlichen Sportbetrieb nicht und trat nur widerwillig und auf zuraten seiner Genossen der Sportvereinigung Ost bei, mit dem Vorsatz, Spitzensport und Widerstand zu verbinden. Schon 1933 verweigerte er bei der Siegerehrung den Hitlergruß. Eine Woche später wurde er deshalb verhaftet und eine zeitlang im Columbiahaus eingesperrt. Anschließend bekam er ein Jahr Wettbewerbsperre. Sportlicher Höhepunkt sollte die Olympiade 1936 in Berlin werden, bei der er zu den Favoriten zählte. Er wurde „nur“ vierter. Dies durchkreuzte sein Vorhaben, bei der Siegerehrung die Nazis vor den Augen der Welt zu blamieren und den Hitlergruß zu verweigern.

1936 bekam er Kontakt zu dem gerade aus dem Zuchthaus entlassenen Robert Uhrig und damit zur Berliner Untergrundleitung der KPD. Werner Seelenbinder stand unter ständiger Beobachtung durch die Gestapo. Doch das hinderte ihn nicht daran, seine Reisen zu Wettkämpfen, insbesondere ins Ausland, für Kurierdienste und zur Informationsübermittlung zu nutzen.

1942 gelang es der Gestapo die Gruppe Uhrig zu zerschlagen. Robert Uhrig und über 200 Freunde und Genossen wurden verhaftet, unter ihnen am 4. Februar 1942 auch Werner Seelenbinder. Nach einer zweijährigen Odyssee durch mehrere Konzentrationslager und Zuchthäuser wird er am 5. September 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am 24. Oktober 1944 wurde Werner Seelenbinder im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil ermordet. In seinem Abschiedsbrief heißt es: „Lieber Vater, Geschwister, Schwägerin und Friedel! Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch durchmachen kann. Krankheit, körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte gerne gemeinsam mit Euch, mit meinen Freunden und Sportkameraden die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten, die das Leben nach dem Kriege zu bieten hat und die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, erlebt. Das Schicksal hat es nun leider nach furchtbarer Leidenszeit anders für mich bestimmt. Ich weiß aber, dass ich in Euren Herzen und dem vieler Sportkameraden einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewusstsein macht mich stolz und stark und wird mich in der letzten Stunde nicht schwächer finden.“

Erinnerung an Werner Seelenbinder

Das Gedenken an Werner Seelenbinder hat eine lange und wechselhafte Tradition. Sie begann mit der Beisetzung der Urne bei einer Kundgebung mit hunderttausend Teilnehmern im September 1945 und der Umbenennung des Sportpark Neukölln in Werner-Seelenbinder-Kampfbahn. 1950 wurde der Name wieder getilgt, weil Seelenbinder Kommunist war. In den sechziger Jahren war es zweimal im Jahr erlaubt, zum Geburtstag und Todestag unter Polizeiaufsicht an seinem Grab Blumen niederzulegen. Seit 2004 trägt der Sportpark Neukölln wieder den Namen Werner Seelenbinders.