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15. Januar 2013 Neukölln

Abschied vom Genossen Werner Gutsche

Werner Gutsche bei einer politischen Stadtführung in Neukölln.

Genosse Werner Gutsche ist am 4. Dezember 2012 im Alter von 89 Jahren verstorben. Mit ihm haben wir einen Großteil Neuköllner Geschichtswissen, Parteigeschichte und Wissen über politische Zusammenhänge verloren. Im antifaschistischen Kampf müssen wir nun auch seinen Platz einnehmen – im Kampf für eine Welt ohne Rassismus und Krieg.

Die Trauerfeier findet am Dienstag, dem 15. Januar 2013, um 11 Uhr in der Kapelle des Neuen Luisenstadt-Friedhofs statt, mit anschließender Urnenbeisetzung.

Neuen Luisenstadt-Friedhof, Hermannstraße 186, 12049 Berlin (U-Bhf. Leinestraße)

 

Im Anschluss an die Beisetzung lädt die Galerie Olga Benario ein zu einem Treffen in den Galerieräumen in der Richardstraße 104, 12043 Berlin

Statt Blumen wird um eine Spende am Eingang zur Trauerhalle gebeten.

 

Ansprache von Klaus-Dieter Heiser, DIE LINKE.Neukölln, auf der Trauerfeier für Genossen Werner Gutsche am 15. Januar 2013 in der Kapelle des Neuen Luisenstadt Friedhof, Berlin-Neukölln

Liebe Freundinnen und Freunde von Werner Gutsche, liebe Genossinnen und Genossen,

wir nehmen heute Abschied von Werner Gutsche und erinnern uns an gemeinsam Erlebtes, an gemeinsame Erfolge und Niederlagen, an Begegnungen und Diskussionen, an viele gemeinsame Aktionen – vor allem an die Erfahrungen und Werte, die er uns vermittelt hat. Für viele von uns war er ein „lebendiges Geschichtsbuch der Neuköllner Arbeiterbewegung“.

Wir werden ihn als Menschen und Zeugen seiner Zeit vermissen, der immer wieder Anregungen und Anstöße gegeben hat, aus der Geschichte zu lernen. So wie er es selbst getan hat. Als Kind wuchs er in Neukölln zur Zeit der Weimarer Republik auf und erlebte im Alter von neun Jahren die Machtübertragung an die Nazis. Sein Milieu war die Arbeitersportbewegung, besonders die Schwimmer, in der er gegen die Nazi-Ideologie immunisiert wurde. Auch als er in die Wehrmacht eingezogen wurde, da wurde er nicht zum Nazi-Soldaten. Als er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war seine Lebenserfahrung: Nie wieder Krieg und Faschismus. Als Konsequenz schloss er sich als 26-Jähriger der Sozialistischen Einheitspartei in Neukölln an und wurde aktiv unter Gleichaltrigen im Wohnbezirk und im Betrieb. Ihn trieb vor allem die Frage um, wie konnte es zur Machtübertragung an die Nazis kommen, zu Rassismus und Krieg? Er befragte Kommunisten und Sozialdemokraten, die vor 1933 gegeneinander gestanden hatten und jetzt mit ihm in einer Partei waren. Er hörte gut zu, lernte von ihnen und fand seinen Schlüssel zur Antwort: Es war der Uneinigkeit der Arbeiterparteien KPD und SPD angesichts der faschistischen Gefahr. Seine Kindheitserlebnisse, zum Beispiel vom Neuköllner Blutmai 1929, die er mit Akribie untersuchte, bestärkten ihn in seiner Überzeugung. Ungezählt sind die Veranstaltungen, in denen er an Arbeitersportler wie Werner Seelenbinder, an Widerstandskämpfer wie Hanno Günther oder Heinz Kapelle erinnerte, in denen er das Schicksal rassisch und politisch Verfolgter vor dem Vergessen bewahrte.

Für Werner Gutsche war es eine Selbstverständlichkeit sich nach dem Bruch des Jahres 1989 in der Partei des Demokratischen Sozialismus zu organisieren und er trat aktiv für die Fusion von PDS und WASG zur Partei DIE LINKE ein. Für ihn war Engagement in seiner Partei immer Aktion von unten, so wie er sich die Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses, die Überwindung des Kapitalismus und eine sozialistische Gesellschaft nur durch Bewegung von unten vorstellen konnte.

Wenn Werner aus dem Fenster seiner Wohnung in der Oderstraße sah, dann blickte er weit über das Tempelhofer Feld. Was für eine Freude war es für ihn, als der Flugbetrieb eingestellt wurde und die Menschen das Wiesenmeer zurück eroberten. Doch über der Freude vergaß er nie den Blick auf die ganze Geschichte. Und so gestaltete er für den Informationsstand der LINKEN zur Öffnung des Tempelhofer Feldes eine vielbeachtete Ausstellung über den Missbrauch des Areals als Standort des ersten Berliner Nazi-KZ, als Rüstungsschmiede und als Ort der Ausbeutung von Zwangsarbeitern für den Nazi-Krieg.

Wie oft haben wir zu Werner gesagt, schreib das auf oder erzähle es so, dass es auf Tonband festgehalten werden kann? Und wie oft hat er geantwortet, ja, aber wir haben noch so viel Zeit, jetzt ist die nächste Aktion wichtiger? Die Zeit hatten wir leider nicht.

Genosse Werner Gutsche, wir werden Dich vermissen, denn der Kampf geht weiter!

Der Text der Ansprache kann hier im pdf-Format herunter geladen werden.